"MENSCHENRASSEN"?
Zur Aktualität rassistischer Konzepte in den Biowissenschaften

Veranstaltung am Donnerstag, 9. Juni 2005, 18:00 Uhr
Humboldt-Universität zu Berlin (Hauptgebäude), Unter den Linden 6, Raum 2097

mit:
Heidrun Kaupen-Haas (Medizinsoziologin): Wissenschaftlicher Rassismus - Zeichen der Moderne?
und
Ulrich Kattmann (Biologe): Wie die Europäer weiß wurden - Die Vielfalt der Menschen und die Einfalt, sie als Rassen zu definieren


Darin schienen sich so unterschiedliche Gelehrte wie Carl von Linné, Alexander von Humboldt, Charles Darwin und Immanuel Kant einig: Menschen ließen sich in Gruppen einteilen, deren "Schicksal" durch "natürliche" bzw. "vererbte" Faktoren bestimmt seien, welche sie zu "Verlierern der Evolution" oder aber zur "höherbegabten Rasse" prädestinieren.
Die europäische Moderne und die Entstehung der Humanwissenschaften im 18. und 19. Jahrhundert sind eng mit einer wissenschaftlichen Selbstvergewisserung der Superiorität des weißen Oberschicht-Mannes verbunden.
Die Rassenkonstruktionen der europäischen Moderne gipfelten schließlich in den Vernichtungsideologien des Nationalsozialismus.
Die Einteilung von Menschen in verschiedene Rassen ist seit eh und je ein Konstrukt zu rassistischen Zwecken.
In den Biowissenschaften wandelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Menschenrassen-Konzepte: Typologische und völkische Einteilungen wurden
durch genetische abgelöst, Kritik an der wissenschaftlichen Verwendbarkeit und der politischen Bedeutung wurden problematisiert. Doch eine genetische Zuordnung zu Rassen ließ sich mit den Fortschritten der Genetik immer weniger vornehmen. Dennoch sind heute deswegen Menschenrassen-Konzepte in den Biowissenschaften keinesfalls obsolet. "Menschenrassen gibt es." wurde z.B. von einem Biologie-Prof. der Humboldt-Universität im letzten Semester im Rahmen eines interdisziplinären Seminars geäußert.
Zur Darstellung aktueller Auffassungen in der Biologie und zur Eröffnung
eines kritischen Blicks auf die Forschungen zu Menschenrassen sollen die
Vorträge und eine anschließende Diskussion dienen.

Bei Rückfragen: aggegenrassismus@gmx.net


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Außerdem sei noch darauf hingewiesen, dass am kommenden Mittwoch in der Jungle World ( www.jungle-world.com ) ein Artikel zu der ganzen Angelegenheit erscheint und in der jungen Welt ein Interview, welches ihr/Sie hiermit vorab schon mal erhaltet/n:

Ina Verting
studiert Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) und ist Sprecherin der AG gegen Rassismus

? Ihr macht am Donnerstag Abend eine Veranstaltung zu “Menschenrassen” und zur Aktualität rassistischer Konzepte in den Biowissenschaften. Gibt es dafür einen Grund?

! Na klar! Ausgangspunkt war ein Team-Teaching-Seminar von Biologie, Philosophie und den Gender Studies im letzten Semester, in dem der Bio-Prof. irgendwann anfing, von “Menschenrassen” zu reden. Auf Nachfragen führte er dann aus, dass sowohl „Rassen“ wie auch der Rassismus eine „genetische Komponente“ hätten. Außerdem bezog er sich auf „Studien“, die einen Intelligenzunterschied zwischen Schwarzen und Weißen „nachweisen“.
Das war für uns zu viel und wir haben das Seminar verlassen und uns als AG, bestehend aus BiologInnen, Gender-Studies-Studierenden und PhilosophInnen, gegründet.

? Wie ging's dann weiter?
! Es war uns ein Anliegen, derartige Äußerungen nicht einfach so stehen zu lassen, uns jetzt aber auch nicht so sehr auf eine Person einzuschießen. Es ging und geht es darum, einige Argumentationsfiguren, die charakteristisch für sehr viele BiologInnen zu sein scheinen, kritisch zu hinterfragen. So wurde uns z.B. immer wieder gesagt, „Rasse“ sei ein wertneutraler Begriff, er sei nur politisch missbraucht worden. Das ist natürlich Quatsch: die Entstehung der Vorstellung von „Menschenrassen“ fällt mit dem Kolonialismus zusammen, ist also untrennbar mit Rassismus verknüpft. Außerdem bestand nie ein wissenschaftlicher Konsens über die Verwendung der Kategorie „Rasse“.
Die Missbrauchsthese offenbart den bis heute anhaltenden Mythos, dass Wissenschaft objektiv sei und Rassismus und Wissenschaft getrennte Welten seien. Dem ist entgegenzuhalten, dass die Natur-, aber auch die Sozial- wie Geisteswissenschaften Rassismus theoretisch verfügbar gemacht haben und dies bis heute tun. Die vermeintliche Objektivität war nur allzuoft Spiegelbild einer weißen, männlichen, heterosexuellen, nicht-behinderten, bourgeoisen Norm – also Ausdruck der Subjektivität der Forschenden selbst.

? ... das heißt?
! Das heißt, dass Weiße versucht haben, die von ihnen geschaffenen kolonialen Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse naturwissenschaftlich zu legitimieren. Und in diesem Zusammenhang spielt „Rasse“ eine ganz zentrale Bedeutung.
An sich bis heute, wobei sich da auch einiges gewandelt hat. Die old school spricht nach wie vor von „Rassen“, die new school von „Kulturen“, die angeblich nicht zusammenpassten und so ihrerseits naturalisiert werden. Oft findet sich new wie old school im deutschprachigen Kontext aber auch nebeneinander und wird je nach Bedarf angewendet.
Die grundlegende Frage: Warum klassifizieren? hat bis heute von den BiologInnen an der HU niemand beantwortet...

? Was für Reaktionen gibt es bisher auf eure Veranstaltung?
Viele reagieren sehr positiv und sind froh, dass es unsere Veranstaltung gibt.
Einigen, insbesondere jedoch Biologen, bereitet unsere Veranstaltung jedoch offensichtlich auch Angst. So hat das Bio-Institut seine Zusage, die Veranstaltung dort machen zu können, zurückgezogen und damit die auch schon angekündigten Gelder. Selbst die Bio-Fachschaft verlangte von uns, uns von diesem und jenem zu distanzieren – nur dann würden sie uns ganz eventuell Gelder geben. Des Weiteren sind wir sowohl von Biologen als auch von Gender-Studies-Lehrenden mehrfach ermahnt worden, nicht von “Rassismus” zu sprechen. Und jetzt, kurz vor der Veranstaltung, werden wir von ranghohen Univertretern zu Gesprächen herbeizitiert und es wurde eine offzielle Stellungnahme der HU verfasst, in der unsere Veranstaltung präventiv Diffamierung einzelner Personen unterstellt wird. Last but not least schwebt auch immer wieder die Drohung einer Verleumdungsklage gegen uns im Raum oder gar die Exmatrikulation.
Die ganze Abwehr von den Biologen ist sehr frustig für uns. Mehrfach wurde uns sogar vorgeworfen, wir würden das Bio-Institut in den Dreck ziehen wollen. Seit Monaten wird geblockt und es scheint ganz offensichtlich ein Problem für die Biologie an der HU zu sein, sich mit ihrer Fachgeschichte, den wissenschaftstheoretischen Kontexten und den erkenntnistheoretischen Grundlagen auseinanderzusetzen.
Man könnte fast meinen, wir haben ins Schwarze getroffen ... (lacht)

? Was bezweckt ihr mit der Veranstaltung?
! Es geht uns um eine wissenschaftliche Aufarbeitung des „Rasse“begriffs und um die Verschränkung mit gesellschaftlichen Zusammenhängen – das wollen wir aufzeigen und diskutieren.

Veranstaltung: “MENSCHENRASSEN”? – Zur Aktualität rassistischer Konzepte in den Biowissenschaften
Donnerstag, 9. Juni, 18:00 Uhr, Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, Raum 2097

das Interview führte Otto Busse